Geschichte
Aus: Goethe - Italienische Reise
Ein artig Abenteuer:
Mittenwald, den 7.September 1786
Nach Walchensee gelangte ich um halb fünf. Etwa eine Stunde von dem Orte begegnete mir ein artiges Abenteuer: Ein Harfner mit seiner Tochter, einem Mädchen von eilf Jahren, gingen vor mir her und baten mich, das Kind einzunehmen. Ein artiges ausgebildetes Geschöpf, in der Welt schon ziemlich bewandert. Nach Maria-Einsiedel war sie mit ihrer Mutter zu Fuß gewallfahrtet, und beide wollten eben die größere Reise nach St.Jago von Compostell antreten, als die Mutter mit Tode abging. All ihre Reisen habe sie zu Fuß gemacht, zuletzt in München vor dem Kurfürsten gespielt und sich Überhaupt vor einundzwanzig fürstlichen Personen hören lassen. Sie unterhielt mich recht gut. Hübsche große braune Augen, eine eigensinnige Stirn, die sich manchmal ein wenig hinaufwärts faltete. Wenn sie sprach war sie angenehm und natürlich, besonders wenn sie kindischlaut lachte; hingegen wenn sie schwieg, schien sie etwas bedeuten zu wollen. Ich sprach sehr viel mit ihr durch, sie war Überall zu Hause und merkte gut auf die Gegenstände. So fragte sie mich einmal, was das für ein Baum sei. Es war ein schöner großer Ahorn, der erste, der mir auf der ganzen Reise zu Gesichte kam. Sie gehe, sagte sie, nach Bozen auf die Messe, wo ich doch auch wahrscheinlich auch hinzöge. Wenn sie mich dort anträfe, müsse ich ihr einen Jahrmarkt kaufen, welches ich ihr denn auch versprach. Über eine andere frohe Aussicht vergnügten wir uns gleichfalls zusammen. Sie versicherte nämlich, daß es gut Wetter gäbe. Sie träge ihren Barometer mit sich, und das sei die Harfe. Wenn sich der Diskant hinaufstimme, so gebe es gutes Wetter, und das habe er heute getan. Ich ergriff das Omen, und wir schieden im besten Humor, in der Hoffnung eines baldigen Wiedersehens.
Über die weitere Reise des Mädchens ist uns weiter nichts bekannt, sie pilgerte wohl tatsächlich nach Santiago de Campostella und realisierte erst später mit welcher Prominenz sie gereist war. Jedenfalls tauchte sie im Frühling des Jahres 1796 plötzlich in Weimar auf, in der Absicht sich dort niederzulassen. Auch Goethe konnte sich gut an gemeinsame Reiseerlebnisse erinnern, sie schien doch großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, und war ihr behilflich ein Zimmer in einem schönen barocken Haus ganz in der Nähe des Frauenplans zu finden. Erst an den Beschreibungen über den Ausblick aus ihrem Fenster und den Erzählungen über ihr rosa Haus bemerkten wir, daß wir heute tatsächlich bei ihr wohnen, bei Lieselotte Hababusch, der wohl ersten Tramperin der Welt. Über die weitere Liasion zwischen den beiden schweigt sich leider nicht nur Lieselotte aus. Als Hommage an Weimars gute alte Zeit und in Gedenken an Lieselottes Weltoffenheit - "sie war überall zu Hause" - eröffneten wir hier am 17.Juni 1996, also 200 Jahre nach Lieselottes Ankunft in Weimar Deutschlands erstes Independent Youth Hostel.
